Interreligiöser Dialog im Fokus

Eindrücke aus Sarajevo und ihre Bedeutung für unser Zusammenleben

Im Bildungs- und Kulturverein Limburg berichteten am 21. November der katholische Theologe und Islambeauftragte im Bistum Limburg, Dr. Frank van der Velden, und der muslimische Theologe und Imam Esat Öztürk von ihrer Teilnahme an der „European Summer School in Interreligious Studies and Peacebuilding“ in Sarajevo. Eingeladen hatte die Katholische Erwachsenenbildung Limburg und Wetzlar, Lahn-Dill-Eder (KEB) und die Gemeinde des Bildungs- und Kulturvereins Limburg. Die Veranstaltung führte Christinnen und Christen sowie zahlreiche junge Muslime zu einem offenen Gespräch bei Tee und Gebäck zusammen, das die Bedeutung eines interreligiösen Miteinanders in den Mittelpunkt stellte.

 

Bildung und Austausch

Der Einrichtungsleiter des Vereins, Yașar Bezgin, hob in seiner Begrüßung die Aufgabe des Vereins hervor, Bildung für Jugendliche und Erwachsene zu fördern und Räume für Verständigung zu schaffen. Das Anliegen, aufeinander zuzugehen und im Austausch zu sein, prägte den gesamten Abend.

 

Eindrücke aus Sarajevo

Imam Öztürk beschrieb Sarajevo als eine Stadt, die ihn tief beeindruckt habe. Besonders die bis heute sichtbaren Spuren des Krieges machten deutlich, wie Erinnerung im Alltag präsent bleibt. Der Imam sagte: „Ich habe in Sarajevo gelernt, dass Krieg keine Lösung ist.“ Gleichzeitig sei Sarajevo eine Stadt, in der religiöse Vielfalt auf engem Raum sichtbar wird. Moscheen, Kirchen, und Synagogen liegen nicht weit voneinander entfernt, weshalb die Stadt auch als „Klein-Jerusalem“ oder „Europäisches Jerusalem“ bekannt ist. Öztürk zeigte ein Foto eines Boden-Mosaiks im öffentlichen Raum der Stadt. Die Aufschrift „Meeting the cultures“ zeigt die historische Trennlinie, die zwischen dem osmanisch geprägten Osten und dem österreichisch-ungarisch geprägten Westen verläuft. Diese imaginäre Teilung ist bis heute in je unterschiedlich geprägter Architektur im Stadtbild sichtbar. So bildet Sarajevo bis heute eine räumliche und kulturelle Schnittstelle, an der sich unterschiedliche Traditionen begegnen.

 

Religiöse Bedeutung Sarajevos

Sarajevo ist nicht nur kulturell, sondern auch religiös von großer Bedeutung. Die Stadt ist Sitz des Großmuftis der bosnisch-herzegowinischen Muslimen, des Metropoliten der serbisch-orthodoxen Kirche sowie des Erzbistums Vrhbosna der römisch-katholischen Kirche. Mit der König-Fahd-Moschee steht dort zudem die größte Moschee des Balkans. Diese enge Nachbarschaft unterstreicht die lange Tradition des Zusammenlebens unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften.

 

Kontext des Zusammenlebens

Dr. Frank van der Velden ordnete die geschilderten Eindrücke in den historischen Hintergrund ein. Sarajevo sei über vier- bis fünfhundert Jahre hinweg ein Ort weitgehend friedlichen Miteinanders gewesen. Muslime, Katholiken, Serbisch-Orthodoxe und Juden teilten über lange Zeit ihren Alltag und sie waren als Familien verbunden. Im Balkankrieg in den 1990er Jahren jedoch, instrumentalisierten politische Kräfte die unterschiedlichen Religionen als Bruchlinie zwischen den Menschen. Van der Velden betonte, dass es neben den positiven Beispielen von Vergebung und Versöhnung auch Erfahrungen gebe, in denen dies nicht gelungen sei. Umso wichtiger sei es, die religiöse Identität nicht als Trennlinie zu begreifen.

Van der Velden berichtete zudem über die interreligiösen Strukturen Sarajevos und die Zusammenarbeit verschiedener Religionsgemeinschaften. Der seit den späten 1990er-Jahren bestehende interreligiöse Rat setzt sich für Verständigung, den Schutz religiöser Stätten und ein gemeinsames gesellschaftliches Engagement ein. Die Aktivitäten in Sarajevo zeigten, wie Wissen über andere Traditionen Respekt und ein aktives Miteinander fördern könne.

 

In Deutschland schon lange friedliches Zusammenleben

Die zahlreichen Fragen aus dem Publikum machten deutlich, wie groß das Interesse an den Erfahrungen aus Sarajevo war. Das Gespräch entwickelte sich zu einem Austausch über die Bedeutung von Frieden. Öztürk erinnerte daran, dass seit den ersten Anwerbeabkommen der 1960er-Jahre („Gastarbeiterabkommen“) – als viele Menschen aus mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern nach Deutschland kamen – unterschiedliche religiöse Gruppen hierzulande Seite an Seite leben. Deutschland sei damit seit über sechzig Jahren weitgehend von einem friedlichen Miteinander der Religionen und der Menschen geprägt. Diese gemeinsame Erfahrung bilde eine wesentliche Grundlage, gegenseitiges Vertrauen zu stärken und weiter auszubauen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

 

Ausblick

Die nächste Summer School für das Jahr 2026 befindet sich in Vorbereitung. Vertreter verschiedener Institutionen beraten derzeit über Konzept und Details und es wird erwartet, dass das Programm erneut stattfinden wird. Damit wird es erneut Raum für direkte Begegnungen und das Lernen aus unterschiedlichen Perspektiven geben.

 

Zum Abschluss fasste Einrichtungsleiter Bezgin die zentrale Botschaft des Abends zusammen. Frieden entstehe dort, wo Menschen aufeinander zugehen, miteinander sprechen und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Bildung und Begegnung spielten dabei eine zentrale Rolle. Denn so fördere man das Verständnis füreinander und bilde die Grundlage dafür, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion einander offen begegnen können. Diese Haltung sei nicht nur gesellschaftlich notwendig, sondern auch die Voraussetzung für ein dauerhaftes und gelingendes Miteinander.

Hintergrund

Vom 10. bis 18. September 2025 nahm eine Gruppe aus dem Bistum Limburg an der „European Summer School in Interreligious Studies and Peacebuilding“ in Sarajevo teil. Studierende und Engagierte verschiedener Religionen kamen dort über Fragen von Erinnerung, Versöhnung und interreligiösem Dialog ins Gespräch.

Das katholische Erzbistum Sarajevo, bereits seit 1996 eines der Limburger Partnerbistümer, engagiert sich intensiv für den interreligiösen Dialog zwischen orthodoxen Serben, katholischen Kroaten, bosnischen Muslimen und der jüdischen Gemeinde in Sarajevo. Die interreligiöse Summer-School ist Teil dieses Engagements und ermöglicht es den Teilnehmenden, voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu ermutigen und wertvolle Impulse für ihre Arbeit im Bistum Limburg zu gewinnen.

Die Teilnahme wurde auch durch Stipendien aus dem Eine-Welt-Fonds des Bistums Limburg unterstützt.

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